Johann Tillich bei Mona Lisa im ZDF

ML Mona Lisa

Armut und Reichtum wachsen – die Mitte schrumpft

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bestätigt mit seiner neuen Studie, was viele bereits zu spüren bekommen haben: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Angst, in die Armut abzurutschen, raubt vielen Menschen schon jetzt den Schlaf. Auch Experten warnen davor, die Mittelschicht durch geplante Sparmaßnahmen weiter zu schwächen, denn eine starke Mittelschicht, so sagen sie, sei wichtig für den Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität.

Familie Kammerer in Olching hat es bereits schlimm getroffen. Die Eheleute und ihre Tochter sind verzweifelt und haben nur wenig Hoffnung, die Zwangsversteigerung ihres Eigenheims noch abwenden zu können. Claudia Kammerer: „Man baut sich etwas auf, man versucht es zu schaffen, die Arbeit läuft. Es ist alles da, man kann auch endlich mal in den Urlaub fahren, und dann passiert dieser krasse Einschnitt.“

Der dramatische Einbruch der Familie Kammerer kam 2008. Dem Ehemann und Vater, der ein kleines Fuhrunternehmen hatte, bröckelten die Aufträge ab. Die Kredite auf Lastwagen und Haus konnten nicht mehr bedient werden. Aus dem Eigenheim, auf das die Kammerers so stolz sind, müssen sie raus. Die gesamte Familie steht unter großer seelischer Spannung. Man versuche das im Alltag zu überspielen, erzählt Tochter Nicole, aber es sei nicht einfach.

Existenzen in Gefahr

Die 18-Jährige hat nur wenige Freunde, mit denen sie über ihre Probleme spricht. Sie steht kurz vor dem Abschluss als Kinderpflegerin und wünscht sich nichts sehnlicher, als ganz schnell Geld zu verdienen, damit sie ihre Eltern unterstützen kann. Mutter Claudia leidet mit: „Wir haben mal gedacht, das Haus gehört irgendwann einmal unserer Tochter. Es ist im Grunde genommen eigentlich alles mit für sie gewesen. Mir tut das in der Seele weh, wenn ich sehe, wie andere Jugendliche in den Urlaub fahren können, oder dies und jenes machen. Das ist bei uns jetzt überhaupt nicht mehr möglich.“

Der Status-Verlust von Familie Kammerer ist kein Einzelfall. Eine neue Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung belegt, dass seit zehn Jahren immer mehr Menschen zu den unteren und oberen Einkommensbziehern zählen. Die Mittelschicht schrumpft, langsam aber kontinuierlich. Jan Goebel vom DIW Berlin erklärt: „Was wir auch festgestellt haben ist, dass wenn dieser Trend gleich bleibt, es zu einer stärkeren Verunsicherung der Mittelschicht kommt.“

Dagegen halten

Seit fünf Jahren betreibt Marietta Pirsch ein kleines, schickes Restaurant im Herzen Münchens. Doch so gut wie früher gehen die Geschäfte nicht mehr wie sie sagt: „Es gibt wirklich manchmal Tage, an denen ich mich frage, wie ich diesen Monat überstehen werde.“ Doch Marietta ist eine Kämpfernatur, lässt sich noch nicht verunsichern, obwohl sie seit April vergangenen Jahres unter erheblichen Umsatzeinbrüchen zu leiden hat: „Die Kundschaft ist auf jeden Fall sparsamer geworden. Statt Mineralwasser trinken sie jetzt Leitungswasser, eine Vorspeise muss reichen, oder man lässt das Dessert weg.“

Fünf feste Mitarbeiter beschäftigt Marietta Pirsch, die auch noch einen Cateringservice betreibt. Doch sollte die Krise anhalten, muss sie einen Mitarbeiter entlassen, sagt sie, und selbst eben noch mehr zupacken. Sie ist unzufrieden mit der Politik: „Wir Mittelständler und auch kleineren Angestellten, an uns wird die ganze Steuerlast draufgeknallt. Die, die eh schon viel verdienen, die finden elegante Schlupflöcher, Steuererleichterungen oder bessere Abschreibungen.“ Als Optimistin, wie sie ist, hofft sie wieder auf bessere Geschäfte, und schnallt bis dahin den Gürtel enger.

Verschuldungsrate steigt

Seit mehr als 20 Jahren unterstützt Johann Tillich mit dem Verein für Existenzsicherung Mittelständler jeder Branche bei Verschuldung. Die Vernichtung von Existenzen schreitet voran, sagt er: „Das Problem ist, dass die Einkommen nicht mehr steigen, sondern fallen, die Ausgaben aber steigen. Wir gehen von einer Verschuldungsrate aus, die bei 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung liegt, die schon überschuldet sind, aber sie merken es noch gar nicht.“

Claudia Kammerer hat sich bei diesem Verein Hilfe geholt als ihr die Schulden über den Kopf wuchsen. Nun ist ein Käufer für das Haus gefunden, mit den Gläubigern hat man sich geeinigt. Doch nun will das Finanzamt die volle Steuerschuld plus Zinsen von fast 8000 Euro vom Käufer holen. Der Verkauf ist dadurch blockiert. Nun droht Zwangsversteigerung und Insolvenz, eine Katastrophe für die ganze Familie, so Claudia Kammerer. Auch zum Nachteil der Gläubiger und des Finanzamtes, die bei Zwangsversteigerung leer ausgehen könnten. Familie Kammerer versteht die Welt nicht mehr und weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

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ML Mona Lisa

Wer in die Schuldenfalle geraten ist, tut sich oft schwer, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Weil das Geld fehlt, sehen viele Immobilieneigentümer trotz drohender Zwangsversteigerung zunächst keine Möglichkeit, sich professionelle Hilfe zu holen. Johann Tillich, Präsident des Vereins für Existenzsicherung Karlsfeld, beantwortet für ML Mona Lisa Fragen rund um das Thema Zwangsvollstreckung.

ZDF: Woran erkenne ich als Privatperson, dass Zwangsversteigerung droht?

Johann Tillich: Vor einer Zwangsversteigerung sind die Banken bemüht, eine wirtschaftliche Lösung mit dem Kunden zu erreichen. Wenn der Eigenheimbesitzer, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr in der Lage ist, die Raten zu bezahlen, sollte er mit fachmännischer Hilfe ein Gespräch mit der Bank suchen. Sollte er dies nicht tun und auf die Mahnungen der Bank nicht reagieren, folgt in der Regel die Kreditkündigung mit Androhung der Zwangsversteigerung. Spätestens jetzt sollte der Immobilienbesitzer reagieren und die Verhandlung mit dem Kreditinstitut aufnehmen. Da die Zwangsversteigerung noch nicht im Grundbuch eingetragen ist, kann auch noch eine Umschuldung durchgeführt werden.

ZDF: Was kann ich tun, wenn die Zwangsversteigerung tatsächlich beantragt wird?

Tillich: Wurde die Zwangsversteigerung im Grundbuch eingetragen, kann immer noch mit dem Kreditinstitut verhandelt werden. Der Immobilienbesitzer sollte sich bemühen, die Immobilie freihändig zu verkaufen. Dadurch kann ein höherer Verkaufspreis erzielt werden als bei einer Versteigerung und der Schuldenstand wird umso mehr verringert. Eine Umschuldung ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich.

ZDF: Gibt es während des Verfahrens weitere Gefahren, vor denen Sie warnen?

Tillich: Wenn die Zwangsversteigerung erst einmal veröffentlicht ist, werden die Schuldner mit Post von angeblichen Sanierern überschüttet, die Hilfe versprechen. Für diese Hilfe sollen erst einmal größere Beträge bezahlt werden. Ziel dieser „Spezialisten“ ist es nicht, die Zwangsversteigerung mit allen möglichen Tricks zu verhindern, sondern von den überschuldeten Immobilienbesitzern Gelder zu kassieren. Hier wird die Notlage ausgenutzt.

ZDF: Gibt es eine Möglichkeit, die Zwangsversteigerung doch noch zu verhindern?

Tillich: Der effektivste Weg, eine drohende Zwangsversteigerung zu verhindern, ist, bei Zahlungsschwierigkeiten mit dem Kreditinstitut Verhandlungen aufzunehmen. Banken sind bereit, über Lösungsmöglichkeiten zu verhandeln, wenn diese sinnvoll sind. Hilfreich sind Finanzexperten, die mit der Bank die Lösungen besprechen und über die weitere Vorgehensweise verhandeln. Falls ein Verkauf unerlässlich ist, wird mit der Bank der freihändige Verkauf besprochen und eine Zwischenlösung vereinbart. Durch diese wirtschaftlichen Verhandlungen wird auch vermieden, dass negative Schufa-Einträge erfolgen. Beide Parteien haben das gleiche Ziel, nämlich den Verlust zu minimieren.

ZDF: Welche Rolle spielt die Privatinsolvenz dabei?

Tillich: Vor einer Zwangsversteigerung erfolgt die Kreditkündigung. Diese wird in die Schufa eingetragen. Dadurch wird der Überziehungsrahmen auf dem Girokonto sowie weitere Darlehen gekündigt. Dadurch bleibt in vielen Fällen nach der Zwangsversteigerung nur die die Privatinsolvenz, um die übriggebliebenen Schulden loszuwerden.

ZDF: Woran erkenne ich eine gute beziehungsweise eine unseriöse Beratung?

Tillich: Schuldner sollten darauf achten, dass die Erstberatung grundsätzlich kostenfrei ist. Nach dieser Erstberatung muss der Lösungsweg feststehen und der Schuldner muss auch bereit sein, den Weg mitzugehen. Die Kosten, die anfallen, müssen vorher vertraglich geregelt sein. Für eine wirtschaftliche Verhandlung mit dem Kreditinstitut braucht man keinen Rechtsanwalt, da hier bei diesen hohen Streitwerten mit hohen Kosten gerechnet werden muss. Dringend warnen wir vor Angeboten, die vorgaukeln kostenlos helfen zu wollen und die Kunden danach an Rechtsanwälte vermitteln, die hohe Rechnungen stellen.

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